ZEIT ONLINE 40/2004 S. 7

Palästinensische Lyrik

Das Heimweh des Himmels nach sich selbst

Späte Entdeckung eines großen Dichters: Der Palästinenser Mahmoud Darwish und sein Lyrik-Band “wo du warst und wo du bist”

Von Rolf Michaelis

Wäre es nicht so traurig, man müsste von einem Skandal sprechen. Die literarische Welt aller Sprachen verehrt, kennt vor allem: liest die Verse eines der bedeutendsten Dichters arabischer Kultur, des Palästinensers Mahmoud Darwish (rund fünfzig Bücher, in dreißig Sprachen), 1941 im Dorf al-Birwe, bei Akron, geboren – in Deutschland so gut wie unbekannt. Beschämend: Keiner unserer vermeintlich großen Verlage hat sich zu diesem Welten-Dichter bekannt. Alle zwei Jahre erscheinen, in immer neuen (Klein-)Verlagen, von immer neuen Übersetzern, wahllos Bücher von Darwish auch auf Deutsch. Doch gibt es im Werk dieses hoch gebildeten Sohns kleiner Bauern, dessen Familie 1948, nachts, von israelischen Freischärlern aus ihrem Dorf vertrieben wurde, große Unterschiede. Der junge Dichter lässt, hoffnungsfroh, die rote Fahne der Revolution in und über seinen Versen flattern, die heute noch, überall in der arabischen Welt, zitiert werden.

Wie sollte sich der als Kind aus der Heimat Vertriebene nicht der Kommunistischen Partei des jungen Staates Israel anschließen! War Rakah doch die einzige Partei, die im Parlament auch an die enteigneten Palästinenser erinnerte. Westdeutscher Hochmut, bis heute. Ist das nicht ein Kommunist? Wurde ja in der DDR verlegt. Wohin, in welche – auch poetische – Freiheit hat sich dieser große Einsame entwickelt, der seinem geschundenen Volk bis in jede Zeile ganz nah bleibt. Den jungen Palästinenser Mahmoud, vierzehn Jahre alt, steckt die Besatzungsmacht ins Gefängnis. Ein Kind.

Keine Befriedung durch Bomben und tote Kinder

Kein Wunder, hat der heimatlose Dichter, Herausgeber der wichtigsten Literaturzeitschrift der arabischen Welt, Al Karmel, der ständig zwischen der jordanischen Hauptstadt und der von Israels Armee zur Ruinen-Wüste gebombten Stadt Ramallah im Westjordanland hin- und herreist, Freunde nicht nur unter den Schriftstellern Israels, sonder auch bis in höchste Regierungskreise, wo so mancher auch nicht mehr an »Befriedung« durch Bomben und Baby-Tote glaubt.

Bei Darwish liest sich das so: »Ermordete und Unbekannte. Kein Vergessen einigt sie / Keine Erinnerung spaltet sie… / Sie waren Kinder…» / »Unser Land / … / Hat eine Landkarte der Abwesenheit / … / Und tiefe Wunden in seiner Identität.« – »Sie blicken nicht zurück, um ein Exil zu verlassen / Denn vor ihnen ist Exil…« Und Darwish, der nur noch »verwundete Siege« wahrnehmen kann, macht diese Bilanz auf: »Weder Sieger noch Besiegte« – »Weder Held noch Opfer«.

Dem agitatorischen Gedicht hat der Dichter adieu gesagt

Die Gedichte dieses Bandes kommen aus einer – unheimlichen – Ruhe, wie von einem, der ein Vierteljahrhundert hektischen Exils zwischen Moskau, Beirut, Paris, Tunis erlebt hat als Wanderung durch die Wüste, mit vielen Stationen der Meditation. Hier spricht einer, der – nicht nur nach fast tödlicher Herzkrankheit – dem agitatorischen Gedicht adieu gesagt hat, dem politischen Tagesgeschäft schon längst. 1988 hat der berühmteste Intellektuelle seines Volkes noch mitgeschrieben an der »Unabhängigkeitserklärung« der Palästinenser. Doch als sein »väterlicher Freund« Arafat ihn als Minister für Kultur in sein Kabinett bittet, lehnt der Dichter ab.

Im Gedicht liest sich das so: »Ich sehe wie von einer Veranda, was ich sehe / Ich sehe mein Ebenbild / Kommend / Von weit / Her / … Ich sehe … Lastwagen voller Soldaten / Wie sie die Bäume verunstalten an diesem Ort.« So zurückhaltend spricht Darwish, im Gedicht, vom Baum-Frevel der Besatzungsarmee, die den heiligen Schatz palästinensischer Bauern, die jahrhundertealten Olivenbäume, ausreißt.

Im Gespräch wird Darwish (»Was man in Prosa ausdrücken kann, sollte man nicht in einem Gedicht sagen«) deutlicher: »Ich liefere keine Gebrauchspoesie mehr‚ … Ich habe meine Poesie aus dem Halseisen des politischen Engagements befreit.«

So ist er endgültig zu dem für Leser in aller Welt verständlichen Dichter geworden. »Die Dinge raunen in mir / Und ich spreche sie heraus / Immer wenn ich den Stein belausche, höre ich / Das Gurren einer weißen Taube.« Vom »weinenden Glück«, vom »lachenden Scheitern« sprechend, erkennt er sich selber »die Weisheit eines Todgeweihten« zu, der in einem »Jerusalem«-Gedicht mit prophetischer Geste beschwört: »Heilig sind Eintracht und Frieden und sie werden kommen.«

Bis es dazu kommt – der aus dem eigenen Land Vertriebene, den die israelischen Behörden in schönster bürokratischer Dialektik einen »anwesenden Abwesenden« nennen, weiß es wohl –, fließt noch viel Wasser den Jordan hinunter. Der stark von dialektischem Denken geprägte Kopf, dessen Gedichte auch vom Dualismus bestimmt sind, weniger wohl vom Studium der Philosophie Hegels als von arabischer Mystik (Beginn / Ende; Aufflug / Sturz in den Abgrund; Leben / Tod; Licht / Dunkel; Ich / Du und Gegen-Ich) ahnt die Gefahr, die seinem Volk droht, in Zukunft, weil es nur noch die Geschichtsschreibung der Besatzer gibt:

»Vergessen, als wärest du nie gewesen / … / Da ist jemand: Seine Schritte / Überholen meine Schritte. Seine Sicht diktiert / Die meine. Jemand, der die Worte streut / Nach seinem Belieben, der die Geschichte / Allein erzählt / … / Weder Mensch noch Text / Weder Nachricht noch Spur, vergessen.«

Und doch gibt sich dieser Dichter den Befehl: »Schreib nicht mit Gedichten die Geschichte. Allein / Der Historiker ist die Waffe… / … / Geschichte sind die Tagebücher / Von Waffen, geschrieben auf unseren Körpern.« Indem er die Tragödie des palästinensischen Volkes aus der Gegenwart löst, mit der Vertreibung der Araber aus Europa – Granada 1492 – in Beziehung setzt, erhöht Darwish sie über alles Geschichtliche hinaus ins Allgemeine einer Menschheits-Katastrophe, von der Vertreibung aus dem Paradies bis zu jedem Exodus unserer Tage. Dann wird alles poetische Sprechen zum Ausdruck des Exils – und Darwish, der seinem Volk ohne Heimat den Band geschenkt hat Wir haben ein Land aus Worten, kann sich die Existenz-Frage stellen: »Wer bin ich ohne Exil?«

Dann genügt dem im eigenen Land Gefangenen schon der Riss in der Kerkerwand: »Ein Loch genügte in der Mauer / Daß die Sterne die Sucht dich lehrten / Das Ewige anzustarren.« Dann verschwinden auch die tödlichen Gegensätze zwischen den Menschen. So kann »der Fremde«, der erschöpfte Kämpfer im trojanischen, im euro-asiatischen, also im ewigen Krieg der Menschheit in dem »Helena«-Gedicht (in dem wir die Verse lesen: »Regen / Welch ein Heimweh des Himmels / Nach sich selbst«) zur schönsten Frau der Antike, zu der aus Europa nach Asien verschlagenen, von Ost und West umkämpften Helena sagen: »Ich kämpfte / In deinen beiden Schützengräben.« Ob mit Helena die Frau, die Schönheit, die Lyrik, die Liebe oder der ewig umstrittene Friede besungen wird – der nimmermüde Kämpfer für all diese Träume (»Und jedes Gedicht ein Traum«) ist, landlos, heimatlos, in »beiden Schützengräben« zu Haus.

(c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40

 

Adieu Mahmoud Darwish

I come from there

I come from there and I have memories
Born as mortals are, I have a mother
And a house with many windows,
I have brothers, friends,
And a prison cell with a cold window.
Mine is the wave, snatched by sea-gulls,
I have my own view,
And an extra blade of grass.
Mine is the moon at the far edge of the words,
And the bounty of birds,
And the immortal olive tree.
I walked this land before the swords
Turned its living body into a laden table.

I come from there. I render the sky unto her mother
When the sky weeps for her mother.
And I weep to make myself known
To a returning cloud.
I learnt all the words worthy of the court of blood
So that I could break the rule.
I learnt all the words and broke them up
To make a single word: Homeland…..

*****************

Identity Card

Record!
I am an Arab
And my identity card is number fifty thousand
I have eight children
And the nineth is coming after a summer
Will you be angry?

Record!
I am an Arab
Employed with fellow workers at a quarry
I have eight children
I get them bread
Garments and books
from the rocks..
I do not supplicate charity at your doors
Nor do I belittle myself at the footsteps of your chamber
So will you be angry?

Record!
I am an Arab
I have a name without a title
Patient in a country
Where people are enraged
My roots
Were entrenched before the birth of time
And before the opening of the eras
Before the pines, and the olive trees
And before the grass grew

My father.. descends from the family of the plow
Not from a privileged class
And my grandfather..was a farmer
Neither well-bred, nor well-born!
Teaches me the pride of the sun
Before teaching me how to read
And my house is like a watchman’s hut
Made of branches and cane
Are you satisfied with my status?
I have a name without a title!

Record!
I am an Arab
You have stolen the orchards of my ancestors
And the land which I cultivated
Along with my children
And you left nothing for us
Except for these rocks..
So will the State take them
As it has been said?!

Therefore!
Record on the top of the first page:
I do not hate poeple
Nor do I encroach
But if I become hungry
The usurper’s flesh will be my food
Beware..
Beware..
Of my hunger
And my anger!

**************

Mahmoud Darwish (15 March 1941 – 9 August 2008) was born in al-Birwa, Acre, in what is now Western Galilee. The second child of Salim and Houreyyah Darwish, he was taught to read by his grandfather. Darwish published his first book of poetry, Asafir bila ajniha, at the age of nineteen. He subsequently published over thirty volumes of poetry and eight books of prose. He was editor of Al-Jadid, Al-Fajr, Shu’un Filistiniyya and Al-Karmel (1981). His first poetry collection to be published “Leaves of Olives” included the poem “Identity Card”. He has received numerous awards, and his work has been translated and published in 20 languages. Darwish left Israel in the early 1970s to study in the USSR and was stripped of Israeli citizenship. He attended the University of Moscow for one year, before moving to Egypt and Lebanon. When he joined the PLO in 1973, he was banned from reentering Israel. In 1995, he returned to attend the funeral of his colleague, Emile Habibi. During the visit, he received a permit from the Israeli authorities to remain in Israel for four days. Darwish was finally allowed to return to live in the West Bank city of Ramallah in 1995. Darwish had a history of heart problems and underwent surgery after a heart attack in 1984. He underwent further surgery in 1998. His last visit to Israel was on 15 July 2007 in order to attend a poetry recital at Mt. Carmel Auditorium. During the meeting he criticized the factional violence between Fatah and Hamas as a “suicide attempt in the streets”.

Under siege

Here on the slopes of hills, facing the dusk and the cannon of time
Close to the gardens of broken shadows,
We do what prisoners do,
And what the jobless do:
We cultivate hope.

A country preparing for dawn. We grow less intelligent
For we closely watch the hour of victory:
No night in our night lit up by the shelling
Our enemies are watchful and light the light for us
In the darkness of cellars.

Here there is no “I”.
Here Adam remembers the dust of his clay.

On the verge of death, he says:
I have no trace left to lose:
Free I am so close to my liberty. My future lies in my own hand.
Soon I shall penetrate my life,
I shall be born free and parentless,
And as my name I shall choose azure letters…

You who stand in the doorway, come in,
Drink Arabic coffee with us
And you will sense that you are men like us
You who stand in the doorways of houses
Come out of our morningtimes,
We shall feel reassured to be
Men like you!

When the planes disappear, the white, white doves
Fly off and wash the cheeks of heaven
With unbound wings taking radiance back again, taking possession
Of the ether and of play. Higher, higher still, the white, white doves
Fly off. Ah, if only the sky
Were real .

Cypresses behind the soldiers, minarets protecting
The sky from collapse. Behind the hedge of steel
Soldiers piss—under the watchful eye of a tank—
And the autumnal day ends its golden wandering in
A street as wide as a church after Sunday mass…

If you had contemplated the victim’s face
And thought it through, you would have remembered your mother in the
Gas chamber, you would have been freed from the reason for the rifle
And you would have changed your mind: this is not the way
to find one’s identity again.

The siege is a waiting period
Waiting on the tilted ladder in the middle of the storm.

Alone, we are alone as far down as the sediment
Were it not for the visits of the rainbows.

We have brothers behind this expanse.
Excellent brothers. They love us. They watch us and weep.
Then, in secret, they tell each other:
“Ah! If this siege had been declared…” They do not finish their sentence:
“Don’t abandon us, don’t leave us.”

Our losses: between two and eight martyrs each day.
And ten wounded.
And twenty homes.
And fifty olive trees…
Added to this the structural flaw that
Will arrive at the poem, the play, and the unfinished canvas.

A woman told the cloud: cover my beloved
For my clothing is drenched with his blood.

If you are not rain, my love
Be tree
Sated with fertility, be tree
If you are not tree, my love
Be stone
Saturated with humidity, be stone
If you are not stone, my love
Be moon
In the dream of the beloved woman, be moon
[So spoke a woman
to her son at his funeral]

Oh watchmen! Are you not weary
Of lying in wait for the light in our salt
And of the incandescence of the rose in our wound
Are you not weary, oh watchmen?

A little of this absolute and blue infinity
Would be enough
To lighten the burden of these times
And to cleanse the mire of this place.

It is up to the soul to come down from its mount
And on its silken feet walk
By my side, hand in hand, like two longtime
Friends who share the ancient bread
And the antique glass of wine
May we walk this road together
And then our days will take different directions:
I, beyond nature, which in turn
Will choose to squat on a high-up rock.

On my rubble the shadow grows green,
And the wolf is dozing on the skin of my goat
He dreams as I do, as the angel does
That life is here…not over there.

In the state of siege, time becomes space
Transfixed in its eternity
In the state of siege, space becomes time
That has missed its yesterday and its tomorrow.

The martyr encircles me every time I live a new day
And questions me: Where were you? Take every word
You have given me back to the dictionaries
And relieve the sleepers from the echo’s buzz.

The martyr enlightens me: beyond the expanse
I did not look
For the virgins of immortality for I love life
On earth, amid fig trees and pines,
But I cannot reach it, and then, too, I took aim at it
With my last possession: the blood in the body of azure.

The martyr warned me: Do not believe their ululations
Believe my father when, weeping, he looks at my photograph
How did we trade roles, my son, how did you precede me.
I first, I the first one!

The martyr encircles me: my place and my crude furniture are all that I have changed.
I put a gazelle on my bed,
And a crescent of moon on my finger
To appease my sorrow.

The siege will last in order to convince us we must choose an enslavement that does no harm, in fullest liberty!

Resisting means assuring oneself of the heart’s health,
The health of the testicles and of your tenacious disease:
The disease of hope.

And in what remains of the dawn, I walk toward my exterior
And in what remains of the night, I hear the sound of footsteps inside me.

Greetings to the one who shares with me an attention to
The drunkenness of light, the light of the butterfly, in the
Blackness of this tunnel!

Greetings to the one who shares my glass with me
In the denseness of a night outflanking the two spaces:
Greetings to my apparition.

My friends are always preparing a farewell feast for me,
A soothing grave in the shade of oak trees
A marble epitaph of time
And always I anticipate them at the funeral:
Who then has died…who?

Writing is a puppy biting nothingness
Writing wounds without a trace of blood.

Our cups of coffee. Birds green trees
In the blue shade, the sun gambols from one wall
To another like a gazelle
The water in the clouds has the unlimited shape of what is left to us
Of the sky. And other things of suspended memories
Reveal that this morning is powerful and splendid,
And that we are the guests of eternity.

Translated by Marjolijn De Jager

******************

Darwish was devastating as much in his irony,

“My country is the joy of being in chains
A kiss sent in the post.
All I want
From the country which slaughtered me
Is my mother’s handkerchief
And reasons for a new death.”

as in his despair and weariness,

“Ours is a country of words. Talk, Talk.
Let me rest my road against a stone.”


12.08.2008 / Feuilleton / Seite 12

Nomadische Biographie
Zum Tod des palästinensischen Lyrikers und Journalisten Mahmud Darwisch
Von Karin Leukefeld *

»Ein Gedächtnis für das Vergessen« – Ein Leben für die Gerechtigkeit
Foto: AP

Als sich 2004 die Frankfurter Buchmesse dem Thema »Arabische Welt« widmete, stellte man für Mahmud Darwisch nur ein kleines Zelt bereit, in dem er lesen konnte. Schon Stunden vor Beginn der Lesungen bildeten sich lange Schlangen vor dem Eingang, und jedes Mal gab es viele Enttäuschte, die keinen Platz mehr fanden. »In Deutschland versteht man die Bedeutung dieses Dichters nicht«, stellte ein Zuhörer fest. Die wenigen Bücher mit seinen Gedichten wurden in kleinen Verlagen veröffentlicht, die Übersetzungen mit Landesmitteln oder aus Stiftungen bezuschußt, für die man sich auf den ersten Seiten artig bedankt.

Mahmud Darwisch hat den Palästinensern eine Stimme gegeben, wie es keine politische oder militärische Führungsfigur jemals vermochte. »Er ist der Spiegel des palästinensischen Lebens«, sagt Ali Qleibo, palästinensischer Anthropologe an der Al-Quds-Universität in Jerusalem. »Er ist das Wesen unseres palästinensischen Seins«, meint die palästinensische Parlamentsabgeordnete Hanan Aschrawi. »Seine Lyrik legt Zeugnis ab«, sagt einer seiner Übersetzer, Ibrahim Muhawi.

Mahmud Darwisch, Dichter und Journalist, Kommunist und Vertriebener, wurde 1941 als Kind einer sunnitisch-muslimischen Familie in Barweh, in Galiläa geboren. Seine Biographie spiegelt das nomadenhafte Leben vieler Palästinenser wider: Im Zuge der Nakba, der Vertreibung 1948, mußte seine Familie Barweh verlassen, das Dorf wurde später eine jüdische Siedlung. Darwisch studierte in Haifa, wurde Journalist und trat 1961 der Israelischen Kommunistischen Partei bei. Er wurde verfolgt, angeklagt und ins Gefängnis gesteckt. Er studierte in Moskau, verließ Israel und ging nach Beirut, wo er für die PLO arbeitete. 1982 marschierte Israel im Libanon ein, die PLO war gezwungen, das Land zu verlassen, Darwisch ging nach Zypern. In den folgenden Jahren lebte er in Tunesien, Jordanien und Frankreich, kehrte schließlich nach Palästina zurück, nach Ramallah in der Westbank. 1988 verfaßte Darwisch die offizielle palästinensische Unabhängigkeitserklärung, seinen Posten im Exekutivrat der PLO (1987–1993) gab er aus Protest gegen das Oslo-Abkommen 1994/95 zurück. Ein Antrag des israelischen Bildungsministers Yossi Sarid im Jahr 2000, Gedichte von Mahmud Darwisch ins israelische Curriculum aufzunehmen, wurde von der Regierung Ehud Barak abgewiesen. Darwisch kritisierte die israelische Besatzung ebenso scharf wie in den letzten Jahren die palästinensische Führung. Als es 2007 zu Kämpfen zwischen Fatah und Hamas kam, warf er deren Führungen vor, »die Palästinenser aufzurufen, in den Straßen Selbstmord zu begehen«.

Schon in jungen Jahren schrieb Darwisch seine ersten Gedichte, rasch wurde er einer der wichtigsten Dichter des palästinensischen Widerstandes. Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang, seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt. Das Exil, die Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimat, Wut und Zorn über die israelische Besatzung und das Schweigen der Welt waren der Stoff, aus dem Darwischs Gedichte entstanden. Manche, wie »Vögel von Galiläa« und »Ich sehne mich nach dem Brot meiner Mutter« wurden vertont und von Generationen von Palästinensern – und ihren Freunden in anderen Ländern – zu Hymnen gemacht. »Ein Gedächtnis für das Vergessen« beschreibt die israelische Belagerung Beiruts (1982), als israelische Kampfjets und Panzer die Stadt einen Monat lang fast ständig bombardierten. Noch heute können nicht nur Palästinenser, sondern auch viele Libanesen, die an der Seite der PLO kämpften, jede Zeile des Stückes vortragen.

Mahmud Darwisch lebte für Einheit und Gerechtigkeit in Tat und Wort. Seine Worte waren klar, seine Bilder eindringlich. Sein Herz, mit dem er Zeile um Zeile über Leben und Tod, Hoffnung und Niederlage, Heimat und Exil der Palästinenser schrieb, war seine Kraft und gleichzeitig sein schwacher Punkt. Zweimal war er schon am Herzen operiert worden, Anfang August brach er zur dritten Operation in die USA auf. Falls etwas schiefgehen sollte, so hatte er seinen engsten Freunden gesagt, wolle er nicht reanimiert werden. Am Sonnabend starb Mahmud Darwisch in einem Krankenhaus in Houston, Texas an Komplikationen nach der Operation.

* Aus: junge Welt, 12. August 2008

Mahmoud Darwish

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